die Lebenskräfte stärken!
was wir wirklich tun können
Ein wacher Moment im Halbschlaf
Der Morgen graut, unser Kater hat uns wieder mal (zu) früh geweckt. Wir versuchen wieder einzuschlafen, in dem Wissen, dass bald der Wecker läutet – Schule ist um acht und Pünktlichkeit ist angesagt. Da fragt mich meine Frau, ob eine Gesellschaft ohne Zwang funktionieren könnte? Ohne nachzudenken antworte ich lachend, dass so eine Frage nur Menschen stellen können, die in einer Sklavengesellschaft aufgewachsen sind. Noch dazu eine, die sich selbst als Gipfelpunkt menschlicher Freiheit etikettiert.
Von David Graeber1 bekomme ich die Erkenntnis geschenkt, dass nicht bürokratische Abläufe an sich unsinnig sind oder sein müssen. Es sind die sozialen Situationen, die sie handhaben, die schon unsinnig sind – und diese Unsinnigkeit kommt daher, dass sie auf struktureller Gewalt beruhen. Die Gewalt mag „bei uns“ etwas besser versteckt sein als in anderen Zeiten oder Regionen, aber es braucht unsere aktive Mitarbeit, um sie zu übersehen.
Die Stärkung der Lebenskräfte
Was, wenn die Sinnkrise einfach aus Dominanzverhältnissen erwächst, die Destruktion, Ohnmacht und das Gefühl von Sinnlosigkeit „produzieren“? Unser Gefängnis hat viele Mauersteine, vom Bildungssystem bis zum Geldsystem – es ist aber auch zentral durch Scham- und Schuldgefühle gebaut und gesichert. Diese (wir) richten unsere Kräfte gegen uns.
Scham- und Schuldprogramme kann man nicht einfach abschalten, sie sind tief in den Leib eingeschrieben; aber man kann aufhören, sie noch zu befeuern. Einen wohlwollenden Wahrnehmungsraum dafür öffnen. Das ist schon viel: Identifizieren was schwächt und es nicht weiter nähren.
Gegen das Leben
Bei Jürg Reinhard2 lese ich, dass Antibiotika „gegen das Leben“ heißt und ich erinnere mich, wie oft ich das in meiner Kindheit und Jugend verabreicht bekommen habe – gegen Angina, die immer wieder gekommen ist. Macht nichts – einfach wieder alles abtöten, was kann schon passieren? Nun, das sich ausbildende Nerven- und Immunsystem wird geschwächt, von einer gedankenlosen Medizin, die sich für allwissend hält. Wie überhaupt eine Schwächung der Lebenskräfte durch Vergiftung – durch Ackergifte, Strahlungen, Nachrichten, Geoingeneering etc. (und wehe, du sprichst das an!) – in Kauf genommen oder bewusst betrieben wird. Von den Lebensquellen getrennt und durch Vergiftungen geschwächt – was nun?
Aber wie die Lebenskräfte stärken?
„Der Zug war verspätet, deshalb bin ich rechtzeitig da.“ Der Start unserer Online-Entwicklungsreise ist um 19 Uhr, die Einheit als Team-Supervisor einer Behindertentagesstätte endet um 18 Uhr – und die Wegzeit zu meinem Computerplatz ist lang. Wie soll sich das ausgehen? Nun, „eigentlich“ gar nicht – aber der Zug, den ich „eigentlich“ nicht mehr hätte erreichen können, ist zu spät – und so komme ich rechtzeitig.
Ich will damit nicht sagen, dass sich in meinem Leben alles fügt, weil ich der goldenen Spur und nicht dem Takt der Maschine folge, aber das Vertrauen, dass es eine universelle Kraft gibt, die es gut mit mir meint ist ein wesentliches Element meines Lebens in der „Zwischenzeit“.
Um den Selbstwert kämpfen, schwächt dich
Ich bin nicht mit einem unerschütterlichen Selbstwertgefühl gesegnet, aber ich strebe das auch nicht mehr an. Der Wert eines Menschen ist nicht zu messen, das ist eine äußerliche Kategorie. Ob mein Einsatz als Teamsupervisor an diesem Tag wertvoll war für die Institution, entscheiden die Teammitglieder und der Kontext. Selbiges bei der Entwicklungsreise und im Grunde in allen Situationen. Die Partizpierenden entscheiden individuell über den Wert einer Interaktion. Es ist okay, zu bewerten, das dient der Orientierung und hilft mir beim entscheiden. Aber ich als Mensch, als immer werdender Prozess – da stellt sich die Wertfrage einfach nicht. Ich bin, ich werde. Ausdruck des Lebens. Da braucht es keine Bestätigung. Punkt.
Die Lebenskräfte stärken!
Etwas in mir weigert sich aufzugeben, trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen. Das mag eine Schattenseite haben: Die Kräfte erschöpfen sich, wenn ein Mensch nie ganz entspannt. Aber hier mag ich würdigen, dass mich die Kraft des Lebens durchfließt, die etwas will. Die beharrlich ist und bleibt. Es geht weder ums Siegen, noch ums Überleben. Mit dem Leben fließen, mit ihm kooperieren, ko-kreieren. Ich bleibe dran, ich bleibe dabei, ich lasse mich nicht unterkriegen. Eine andere Welt ist möglich. Jetzt. Und jetzt. Und hier.
Ich bin mir gegenüber sehr kritisch!
Am Ende eines intensiven Workshops zu meinem Buch „Wege durch die Angst“ lade ich zu einer Schlussrunde ein. Bewusst frage ich nicht danach, was gut oder schlecht war, nicht nach einer Bewertung meiner Arbeit, sondern nach dem Erlebten. Viel Freude, viel Nachdenklichkeit — Schreibübungen, Theaterszenen, Dialog — wir sind alle reich beschenkt. Eine Frau in ihren Siebzigern erzählt, was besser gewesen wäre, als das, was war. Und dann sagt sie, „tröstend“, dass sie auch sich selbst gegenüber sehr kritisch sei. Ohne nachzudenken (Gottlob!) erwidere ich, dass mir das leid tue.
Und es stimmt, (Selbst-)Kritik und Zweifel gelten bei uns als hohe Tugenden, aber um wieder Jürg Reinhard ins Spiel zu bringen: Der Zweifel lässt alles zerbröckeln, zerfallen. Das hat seinen Platz, aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu stärken. Damit meine ich natürlich nicht, dass ich gegen den Tod ankämpfe — sehr wohl aber nach höherer Integration strebe.
Die Lebenskräfte stärken
Die meisten Menschen müssen damit leben, dass ihre schützenden Membrane von außen geöffnet worden sind. So machen sie die Erfahrung, ungeschützt in einer Welt zu sein, die zu laut, zu nahe, zu kalt und zu hart ist. Die Lebenskräfte stärken wir, wenn wir diese Hüllen bewusst nach-bilden und darin nach-reifen, bis wir bereit sind für den „nächsten Raum“. Dann können wir auch die hypnotische Fixierung auf Äußerlichkeiten wie Status und Ansehen lösen und befreit mitgestalten.
Das selbst zu praktizieren und Menschen und Organisationen dabei zu begleiten, ist meine Lebensaufgabe. Wenn du auf diesem Weg bist, erfährst du hier, wie ich dich und/oder deine Organisation dabei begleiten und unterstützen kann.
David Graeber: “Tote Zonen der Fantasie. Über Gewalt, Bürokratie und Interpretationsarbeit”
Jürg Reinhard und Adolf Baumann: “Unerhörtes aus der Medizin. Gespräche eines Anthroposophen mit dem Physiker, Naturheilarzt und Bergführer Dr. med. Jürg Reinhard.





