Gottesverluste,
unverfälschtes Leben und die Poesie des Zufalls.
Mein erster Gottesverlust war eine unverhoffte Befreiung. Ich irrte als Student in den frühen Neunziger Jahren spätabends durch ein traumhaft abweisendes Salzburg, in einer unmöglichen Mischung aus Aufgehobensein und aus der Welt gefallen sein. Ohne wirklich Zugang zu seinen Gedichten zu finden, fühlte ich mich Georg Trakl (auch einer dieser jung Verstorbenen!) nahe. Melancholie, Verlorenheit und Rausch. Da fand sich im Häusergewirr ein Durchgang, wo ich tagsüber nie einen gesehen hatte und ich setzte mich einer Marienstatue gegenüber und nahm sie ins Gebet. Aber sie antwortete nicht auf mein Flehen, stattdessen sah mich eine Gruppe junger Leute und lachte (mich aus?).
Tatsächlich ist es mir heute noch peinlich, wieso ich meinen Glauben verlor. Aber ich übe mich in Schamlosigkeit: Meine heiß geliebten Bob-Dylan-Locken begannen mir rasant auszufallen und das erschien mir als die größtmöglichste Katastrophe, gefühlt schlimmer — damals! — als eine schwere Krankheit. Eine drohende frühe Entstellung, zusätzlich zu all dem emotionalen Ballast und der gefürchteten und sorgfältig verborgenen Lebensunfähigkeit. Aber die große Mutter schwieg zu meinem Leid und in mir erwachte eine Gedanke: Ich würde probeweise, eine Woche lang, so leben, als ob es Gott und und seine Erscheinungsformen nicht gäbe. Ich fühlte mich damals stark im christlichen Glauben verwurzelt und war mir sicher, ich würde nach diesem Experiment zurückkehren in den Schoß der Gemeinschaft der Heiligen.
Aber schmecks! Sofort nach Einwilligung in das Experiment fiel mein ganzer Kindheitsglaube von mir ab und zu meinem Erstaunen wurde mir klar, wie schwer ich daran getragen hatte. Wie anstrengend es gewesen war, an all das zu glauben. Und ich meine damit weniger Glaubensinhalte wie die jungfräuliche Geburt oder die Teilung des Roten Meeres — ich hatte weder Probleme damit, etwas auf einer bloß symbolischen Ebene zu begreifen noch mit der Existenz von Wundern (und Dogmen waren mir schon lange herzlich egal) — sondern das Bild von einem mir wohlgesonnenen und behütenden Gott. Er hatte mich verlassen und nun verließ ich ihn. Ich fühlte mich allein, aber frei darin. Denn es STIMMTE mit meiner Wirklichkeit überein. Zuvor hatte ich mich verlassen gefühlt und dennoch an die Unverlorenheit glauben wollen. Nun nahm ich meinen Zustand an.
Ich las Camus und wurde zum Existenzialisten, der im Angesicht des blinden Zufalls und der unbedeutenden Existenz ins Jetzt stürzt und dort eine messerscharfe, hoffnungsfreie Heimat findet. Keine Leugnung der Wirklichkeit vermittels Illusionen mehr. Leben, angesichts des Abgrunds. LEBEN.
Es war ein langer Weg zurück zum Himmlischen und er war frei von Institutionen und Vermittlungen. Er fand mich, dieser Weg, nicht ich ihn und ich wurde er und er wurde ich. So konnte ich nicht mehr verloren gehen, weil ich nicht an etwas glauben musste, das meiner Wirklichkeit widersprach und diese Erfahrung einer kosmischen Verwurzelung bestand alle Erschütterungen seither und diese waren “objektiv” um Einiges erheblicher als jugendlicher Haarverlust.
Bis vorige oder vorvorige Woche, als ich Gott oder das Göttliche wieder verlor, als es mir entglitt und ich nicht daran festhielt. Ich bin ja schon geübt darin, mein Klammern zu lösen, wenn ich es wahrnehme…
Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
einander lassen; denn daß wir uns halten,
das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.
Rainer Maria Rilke
Aber da war doch eine Angst. Wer bin ich ohne diese konsequente Ausrichtung auf das Höhere Selbst, das Göttliche, das mich so viele Jahre geführt hat auf meinem Lebensweg? Das Gefühl des Rutschens, der Haltlosigkeit geht da mit dem Verlust der Identität einher oder rührt daher.
Aber genau dieses bedingungslose (??) Vertrauen auf innere/göttliche Führung hatte mich in eine Situation wirtschaftlicher Enge geführt und das war mein Vorwurf: Warum? Welche Lektionen sind hier zu lernen, die ich nicht schon in- und auswendig kann? Oder, etwas direkter: Was soll der Scheiß? Ich weigere mich von nun an, unter solchen Bedingungen im Weinberg des Herrn zu arbeiten!
Anders als bei meinem ersten Gottesverlust (in diesem Leben) fiel kein Berg von mir ab, es ist eher so, dass etwas in Bewegung geriet, was anscheinend zu verkrampft war. Es gab da noch einen Abstand zwischen meiner Erfahrung und einem neuen Glauben, der sich offenkundig gebildet hatte. Das Göttliche verlagert sich nun Schritt für Schritt in mich hinein, so nehme ich es wahr, aber gleichzeitig entfernt es sich von mir.
Das Schöne daran, sich von Gott entfernt zu erleben, ist natürlich die Demut. Das Hässliche daran ist das Abgeben von Verantwortung und Gestaltungsmacht. Nein, ich bin nicht Gott. Nicht in dem Sinne, dass ich vollbewusst mein Leben kreiere. “Es”, das Leben als Schicksal, kommt mir immer noch von außen entgegen. Auch. Aber doch ein ganzes Stück weniger. Ich suche noch oder lasse mich finden, von meinem Weg, von dem ich nicht abkommen kann, weil ich dieser Weg bin. Liegt die Quelle in mir? Bin ich in der Quelle?
Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
daß ihre Schatten ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.
Laß dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.
Rainer Maria Rilke
Bin ich schon am letzten Rand meiner Sehnsucht angekommen? Das vermag ich nicht zu sagen. Ich glaube, ich zucke wieder und wieder davor zurück, über diesen Rand hinaus zu gehen und mich ganz ergreifen zu lassen. Aber diese Zeilen kamen zu mir, als ich von einem Gott, der mir unbemerkt wieder zum Bild geworden war wegrutschte, tiefer in mich hinein:
“Gott spricht nicht als Person zu mir, sondern als Poesie. In all diesen Unwahrscheinlichkeiten, der zufälligen Begegnung mit meinem Sohn in einer Schnellbahn, weitab von unser beiden üblichen Wegen (und gleich darauf einem Freund, den ich seit Jahren nicht sah). Als magische Spur, die mich aus einem an Künstlichkeit schwer überbietbaren Einkaufszentrum zu einem rückverwilderten Flüsschen gleich dahinter führt direkt zu einem Biber, der seelenruhig seine Burg baut, während der Autolärm verblasst. All die Situationen, die mir zufallen, jeden Tag, längst selbstverständlich. Und, ist es nicht schon ewig so? Als mir meine Frau begegnete, im letzten Moment eines Fests, als ich schon aufgeben hatte und einen Tanz mit mir selbst tanzte, meiner Einsamkeit, meiner Hoffnungslosigkeit, meiner unerfüllten Sehnsucht… Und als ich mir dabei ganz nahe kam, war sie da, wie gerufen, in dem Moment, als ich an Antwort nicht mehr glaubte…
In dieser Poesie ist alles aufgehoben, erfüllt sich der Wunsch, nachdem jede Hoffnung fahren gelassen wurde. Ich werde nicht erhört in meinem Sehnen, bis ich auf den letzten Rest reduziert bin, auf das Wesentliche, bis nichts mehr bleibt von mir, außer ich. Der Musik folgend, der unsichtbaren Spur. Wenn ich nicht mehr Ausschau halte — dann blüht mein Gott aus den Augen einer Frau, die die meine ist und dies nie sein kann, weil mir nichts und niemand gehört — und es ist wie eine Prüfung bis in meinen letzten Abgrund hinein und die Prüfung hört nicht auf, bis nichts mehr übrig ist, keine Angst, keine Geschichte, keine Fassade, nur noch ich. Und sie. Und wir alle.”
Um meinen Gott zu finden, um mich zu finden, muss ich alles aus der Hand geben. Aber das kann ich nicht, nicht willentlich. Und doch gelingt es immer besser. Ich muss meiner selbst verlustig gehen und meines Bildes von der Welt und vom Himmel, der mir wohlgesonnen ist, so wie ich es mir wünsche. Alle Vorstellungen aus der Hand geben, die sich vor die Wirklichkeit stellen.
Das mag unmöglich sein, dabei geschieht es jeden Moment. Jetzt und Jetzt.
Und jetzt.
Dieser Text ist im Feld der Befreiten Kommunikation geschöpft worden. Das ist das Werk, in dem alle meine Schätze zusammenfließen in diesem Jahr! Am 22. Jänner war der zweite Präsenzworkshop mit doppelt so viel Menschen und noch mehr Öffnung. Ich bin soooooo dankbar für alle Mitwirkenden und für die Kraft, die mich über alle Abgründe trägt.
Am 23. Februar ist der nächste Termin, diesmal Online, ab 18.30 Uhr (ca. zwei Stunden lang, Ticket um 34 Euro). Thema sind transformative Geschichten, du bist herzlich eingeladen! Einfach eine Nachricht an mich, dann kommst du auf die Liste, ein detaillierter Einladungstext folgt nach meinem Familienurlaub in der alten Heimat (juhu!).
Liebend gern stehe ich dir für Einzelbegleitung zur Verfügung, am Weg zu dir. Augenhöhe, Menschlichkeit, Intuition und die Poesie des Lebens schmecken! Hier ist wirklich Raum für DICH.
Weitere Möglichkeiten findest du auf meiner Webseite.
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