Grusel, Grusel, Heiterkeit.
Eine ganze Woche in der Lost-Moderne
Mondtag: Heckenschütze
Ich fahre mit der Bim1, um meine jüngste Tochter von der Schule abzuholen, da kommt mir der Impuls, das mit meiner Frau Martina noch mal abzuklären und siehe da: Sie wird sie heute abholen, wir haben uns missverstanden. Also kann ich ja aussteigen und habe ein bisschen Zeit zur freien Gestaltung bis zum nächsten Termin. Nur dass ich sitzenbleibe und weiterfahre. Ich wundere mich über mich selbst. Klar ist es immer wunderschön, meine Frau und meine Tochter zu sehen, aber wie ich mich sonst kenne, nehme ich ein Geschenk von „Just-Me-Time“ meist gerne an. Nach dem Aussteigen erreicht mich ein aufgewühlter Anruf von Martina: Jemand hat die Heckscheibe unseres schon in die Jahre gekommenen Autos eingeschlagen! Sie muss öffentlich fahren und kommt zu spät zur Schule. Zumindest dieser Part ist kein Problem: Ich bin ja eh fast da und komme rechtzeitig. Habe ich auf einer tieferen Ebene gewusst oder antizipiert, dass ich hier gebraucht werde? Der Gedanke fühlt sich gut und eingebettet an.
Alles andere als gut fühlt sich der Gewaltakt an, der unserem tapferen kleinen „Auti“ zugefügt wurde. Brr.
Willkommen in der Lost-Moderne!
Marstag: Es geht einfach nicht!
Mit einer lieben und sehr wachen Kollegin tüftle ich an Angeboten für Beraterinnen und Prozessbegleiter2. Erst im Kaffeehaus, dann durch die Stadt spazierend, schließlich im Schubertpark, in dem Beethoven und Schubert begraben waren, dann wieder ausgegraben und zum Zentralfriedhof überstellt worden sind – Zentralisierung hat in Wien offenkundig Tradition – graben wir unter anderem nach Möglichkeiten, wie in hierarchische Organisationen und Unternehmen mehr organische Lebendigkeit einziehen kann. Und: Wie können Menschen, die solche Gebilde begleiten, einen authentischen Beitrag hinterlassen? Es gibt viele optimistische Ansätze und Bücher zu diesem Thema und auch wir waren über viele Jahre von dieser Aufgabe beseelt: echte Menschlichkeit in großen Organisationen stärken und ermöglichen, Selbstorganisation statt zentrale Steuerung...
Allmählich dämmert es uns, bis es sich zu einer erlösenden Erkenntnis erhellt: Es geht einfach nicht! Diese Gebilde, ob das Schulsystem, ein Ministerium oder ein internationaler Konzern oder auch kleinere Einheiten mit klarer Befehlsgewalt – funktionieren genau dadurch, dass sie lebendige Prozesse „in den Griff bekommen“ oder abwürgen. Um darin zu arbeiten, muss man ein gutes Stück seiner eigenen Menschlichkeit draußen lassen. Der Lohn dafür ist (meist, nicht immer!) ein gutes Gehalt.
Niederschmetternd? Jedenfalls besser als Illusionen aufzusitzen und diese zu verkaufen!
Willkommen in der Lost-Moderne!
Merkurtag: Auf der Parkbank mit dem lieben Geld
Ein anderer Park, eine andere Kollegin, wir bereiten ein anderes Seminar vor. Wie können wir Menschen dabei helfen, ihre Beziehung zu Geld zu entspannen, zu beleben, zu verwandeln? Ohne das Versprechen, dass alle sofort reich werden, sondern schambefreit und nicht mehr so allein damit? Eine Übung, die wir sofort ausprobieren: Du bittest jemanden, die Beziehung zu Geld in deinem Leben für dich zu repräsentieren und begegnest „deinem Geld als Person“ auf einer Parkbank. Eine ältere Frau geht sehr langsam mit ihrem Hündchen und erstaunten Gesichtsausdruck an uns vorbei. Was für ein seltsames Beziehungsgespräch! „Ja, ich weiß, dass ich manchmal vorwurfsvoll bin, weil du oft erst im letzten Moment kommst!“
Arbeiten in der Lost-Moderne…
Jupitertag: Leinenlos – vom Hirten
Merlin, unser Zauberkater, kommt von einem Bauernhof in Lunz am See, ein ebenso magisches Gebiet. Nun wohnt er am Wiener Stadtrand, aber raus kann er nicht (außer auf den Balkon). Wir sperren ihn ein, er sperrt uns ein – weil wir ihn ja nicht lang allein lassen können (ist gleich: wollen). Die Idee, ihn mit einer Leine nach draußen zu führen, widerstrebt nicht nur uns, sondern auch ihm. Was bedeutet Freiheit in der Lost-Moderne?
Vor einigen Jahren war ich bei einem Festival im Vorarlberger Walgau, um aus dem Weltübergang3 zu lesen. Da lauschte ich einem Kollegen, Andreas Wurm, der aus seinem Buch „Damals unterm Mond – vom Hirten“ vorlas. Passend: am Abend, unter freiem Himmel mit den Bergen im Blick. Welche Bindungen erden uns und verbinden uns so letztlich mit uns selbst? Welche machen uns unfrei und entfernen uns von uns?
Wenn man „lost“ ist, fällt es schwer zu unterscheiden. Um das wieder zu lernen ist uns Kunst und kreativer Ausdruck gegeben. Beim Festival „Leinen los!“4 am wunderschönen Bodensee gibt es gute Gelegenheiten dazu. Wer währenddessen auf unseren leinenlosen Zauberkater aufpasst, steht noch in den Sternen. Vielleicht magst ja du eine Woche in Wien kostenfrei wohnen und Merlin hüten?
Venustag: das älteste Gewerbe der Welt
Was auch immer am Anfang stand, Österreich ist eines der Länder, die die Regulierung der Gewerbetätigkeit auf die Spitze getrieben hat. Nicht wenige sind richtig stolz darauf, dass hier alles unter Dach und Fach ist und meist sind es die, die gut daran verdienen, dass andere einen Gewerbeschein brauchen, um ihre Tätigkeit ausüben zu dürfen.
Zum Beispiel: Menschen begleiten und beraten. Lebenskunst ist es, wenn wir nicht nur in, sondern durch bürokratische Irrgänge (ich mag das nicht Irrgarten nennen) unseren Lebensweg finden. In diesem Sinne einen ganz herzlichen Dank an die Dialogakademie Pressbaum, bei der ich gerade meine LSB-Ausbildung (“Lebens-und Sozialberatung”, nicht zu verwechseln mit LSD!) abschließe und bei der ich gleichzeitig Fortbildungen anbiete. Danke an das Leben, an mich und an alle Menschen, die weniger auf Zertifikate und mehr auf ihr Gespür vertrauen! Denn:
Der Weg durch die Lost-Moderne verläuft nicht geradlinig und es gibt keine verlässlichen Hinweisschilder.
Saturntag: Versöhnungsstange
Im Biosupermarkt neben der LSB-Ausbildungsstätte, gibt es ein Gebäck, das so heißt wie im Titel geschrieben oder so ähnlich, jedenfalls was mit Versöhnung. Hat mich angelacht, also bestelle ich es und als die Verkäuferin es mir reicht, frage ich laut, mit wem ich mich jetzt versöhnen könnte? Der Mann neben mir, ein älterer Herr mit Radlerhelm, bietet sich an. Wir reichen uns die Hand und bekräftigen beide, wie schön es ist, dass wir diesen alten Streit nicht ins Grab mitnehmen müssen. Auch wenn wir uns nie zuvor gesehen habe, fühle ich mich ein Stück weit versöhnt mit der Welt und der Menschheit.
Willkommen im Alltagstheater der Lost-Moderne!
Sonnetag: Mir mit mir
Kränkung hat die gleiche Wortwurzel wie Krankheit, das ist einfach zu sehen. Es schwächt uns auf allen Ebenen, nicht die Anerkennung zu erfahren, die wir uns wünschen.
Mir heißt in einigen slawischen Sprachen Friede, vielleicht erinnerst du dich noch an die Raumstation gleichen Namens? Eine zweite Bedeutung ist Gemeinschaft. Aber irgendwer in (fast?) jeder Gemeinschaft ist dann doch gemein zu mir. Brauche ich zuerst Mir in mir, um Mir mit dir erleben zu können? Mir san Mir! Mit einer Kollegin namens Mira erkunde ich gerade in wechselseitiger telefonischer Begleitung, was der Verwirklichung unseres jeweiligen Buchprojektes noch im Wege steht. Mit dem in Kontakt zu gehen, was uns schmerzt – ohne es verändern zu wollen und in Präsenz von Begleitung – erweist sich als der Schlüssel, der diese Tür öffnet: in Frieden sein können mit dem, was in mir noch in Unfrieden ist. Mir mit mir. Zumindest für Momente.
Lost and found in der Lost-Moderne!
Wenn du auf deinem Weg durch die Lost-Moderne richtig gute Begleitung suchst:
“Erzähl dich frei” ist ein Online-Format, das im Juli jede Woche stattfindet, 75 Minuten, maximal vier Menschen, 25 Euro und gute Medizin gegen Überforderung und lästiges Gedankenkreisen - mit Stefan Tilg und Michael Nußbaumer.
Weichenstellung und Verankerung im Neuen bei den Bosnischen Pyramiden in Visoko ist eine Reise von 3. bis 7. August, eine geniale Kombination aus Kraftorte besuchen und Coaching/Begleitung auf Augenhöhe durch Michael Graf und Michael Nußbaumer.
Alle Infos dazu findest du auf dieser Seite.
Let`s go!
“Volksmund” für Straßenbahn in Wien.
“Wirken”, August 2026: https://emotionskultur.com/wirken, “Gut Ankommen”, ab September 2026: https://emotionskultur.com/ankommen



Hej Danke für diesen erheiternden Wochenbericht. Die beschriebenen Situationen machen die Lostmoderne gut erlebbar. Dein Humor - das Salz in der Suppe.
Hätte gerne auf Merlin aufgepasst- ist bissl kurzfristig. Warum darf er nicht raus?? Schaut doch sehr ruhig und grün aus..??