Schönheit und Schrecken
eine ganze Woche in der Rost-Moderne
Mondtag: Aufstehenmüssen
Die Sonne scheint durch die Lamellen des Rollladens und unsere Tochter fragt, ob es nicht Zeit ist, aufzustehen. Meine Frau meint, der Wecker habe noch nicht geläutet. Unsere Zauberkatze Merlin maunzt, aber es ist noch zu früh. Die Woche hat noch nicht begonnen, der Wecker hat noch nicht geläutet. Wir können noch weiterschlafen. Wir wollen noch weiterschlafen. Auch wenn die Sonne schon überraschend stark ist. Was zählt ist der Wecker, und der hat sich noch nicht gemeldet. Es bleibt uns noch eine Gnadenfrist. Doch mich zieht etwas aus dem Bett, ich füttere Merlin und blinzle zur Uhr: Höchste Zeit! Der Wecker hat versagt. Oder uns geschont. Jetzt aber los: Willkommen in der Rost-Moderne!
Marstag: Monsterfreunde
Es ist ein Riesenkonzert in der Stadthalle, Tausende Volksschulkinder singen, deren Verwandte lauschen und klatschen begeistert: das alljährliche Monsterfreundekonzert! Ich bin da, wie oft mit gemischten Gefühlen. Schön, dass die Kinder die Stars sind! Manche Lieder sind zauberhaft und berührend. Aber die Tickets sind teuer, „Glaubandich!“ ist nicht nur Motto des Konzerts, sondern auch der Bank, die sponsert und die paar Erwachsenen auf der Bühne loben sich gegenseitig in den Himmel. Der Gründer tritt als Pharao auf, mit einer gruseligen Stimme und bejubelt die „erste Hochkultur“. Willkommen in der Rost-Moderne!
Merkurtag: Dinkeltopfengolatsche
Im Supermarkt erwerbe ich dieses Gebäck. Die Verkäuferin berechnet mir dafür 450 Euro. Ein Irrtum, natürlich. Wir lachen beide, ich meine, dass die Golatsche zwar sicherlich gut ist, aber doch etwas überteuert. Wir wünschen uns einen schönen Tag, es war eine schöne Begegnung. Vielleicht auch ein Ausblick auf die Zukunft? Willkommen in der Rost-Moderne!
Jupitertag: Ein schöner Garten
Unsere Wohnung hat einen Balkon, der auf einen schönen Garten schaut. Wir wohnen in einem Zinshaus mit ungefähr 15 „Parteien“. Der Garten gehört nur einer davon, einem älteren Mann, der bevorzugt klassische Musik dudeln lässt, bevorzugt fast die ganze Zeit. Alle unsere Fenster zeigen in diesen Garten, zu dem wir keinen Zutritt haben. Das ist ganz normal hier. Ich drehe „W. Nuss vo Bümpliz“ auf, ein Lied von Patent Ochsner, dass ich durch die Eishockey-WM kennengelernt habe und sehr liebe. Der ältere Herr dreht die klassische Musik lauter, dann doch leiser. Ich drehe daraufhin auch leiser. „… schön win es Füür i dr Nacht…“ Willkommen in der Rost-Moderne!
Venustag: Die Post geht ab
Ich hole ein Paket von der Post ab und stehe in der Schlange. Nicht nur, dass es keinen Zustellversuch gab, ich habe noch nicht einmal eine Benachrichtigung bekommen, dass ich ein Paket bekommen hätte sollen. Nur durch die Zusenderin habe ich davon erfahren. Ich frage, wo ich mich beschweren könne, der „Postbeamte“ meint müde lächelnd, dass sie pro Tag sicher zehn Beschwerden weiterleiten würde, aber es bringe nichts, die Zusteller stellen nicht zu. Ich wende ein, dass sich das doch ändern lassen müsse. Er antwortet, dass es keine Hoffnung gebe. Willkommen in der Rost-Moderne!
Saturntag: schwindelnde Augenhöhe
Ich bekomme ein eMail von jemand, mit der ich immer wieder mal im Konflikt bin. Im Vorfeld habe ich Augenhöhe und Respekt eingefordert. Man kann ja widerstreitende Standpunkte haben und dennoch die Würde des Gegenübers stärken oder jedenfalls nicht schwächen. Dieses Ansinnen wird mir als Beweis fehlender Selbstreflexionsfähigkeit ausgelegt. Willkommen in der Rost-Moderne!
Sonnetag: Hochwürdigst
Wir sind auf einer Firmung außerhalb der Stadttore. Die Kirche ist sehr voll und sehr feierlich. Der Propst ist nicht nur würdig, sondern sogar hochwürdigst, wie ein Firmling bei der Begrüßung betont. Ich war lange nicht mehr bei einem Gottesdienst dieser Art, finde es aber schön, wieder einmal einem beizuwohnen. Aber es hat sich noch mehr in mir verschoben, bemerke ich, all dieses Herr und Knecht und der und die da oben und ich und wir hier unten – ich kann mit dieser Art Verkleinerungsmagie nichts mehr anfangen, auch wenn ich Demut als Superkraft empfinde. Willkommen in der Rost-Moderne!
Zum Frühstück: Befreite Kommunikation Online
Diesen Mittwoch erzählen wir uns Geschichten, zur Etablierung von Augenhöhe, zur Befreiung und Erleichterung. DU bist herzlich eingeladen!










„Rostmoderne“ I love it!
😇
Ich habe nicht alle Worte verstanden, aber die Geschichten sind köstlich.